Magisches Schottland

Mitten in der Nacht kamen wir im Süden Schottlands an. Da es bereits zu spät war, um noch eine Unterkunft zu suchen, übernachteten wir auf einem Wendeplatz im Wald. Durch die Bäume leuchteten die Sterne so hell wie man es selten in der Schweiz zu sehen bekommt. Eine willkommene Sicht nach dem vielen Regen in Irland. Am nächsten Morgen (oder schon fast Mittag) machten wir uns auf Richtung Norden. Wir hatten nur noch knapp 2 Wochen Zeit für Schottland, bevor ich dann weiter nach Hamburg reisen würde. Vor 8 Jahren waren wir schon einmal mit dem Auto in Schottland unterwegs. Damals übernachteten wir ganz im Norden auf einem Campingplatz direkt am Meer und obwohl ich damals noch nicht ganz so angefressen vom Surfen war, fragte ich mich ob man dort wohl gut surfen konnte. Die Landschaft dort hat es mir ebenfalls sehr angetan und darum beschlossen wir, den Süden rasch hinter uns zu lassen und relativ zügig in den Norden zu fahren. Das erste Ziel war Fort William. Von Fort William aus kann man den Ben Nevis besteigen, den höchsten Berg Schottlands. Nachdem wir Glasgow hinter uns gelassen hatten, fuhren wir weiter dem Loch Lomond entlang Richtung Highlands. Je weiter nördlich wir kamen, desto kleiner wurden die Strassen. Durch mystische, wolkenverhangene Täler schlängelt sich die Strasse nach Fort William. Leider wurde das Wetter eher schlechter als besser und in unserer Wunschunterkunft hatte es auch keinen Platz mehr. Darum fuhren wir zu einem Waldparkplatz und beschlossen am nächsten Tag weiter zu fahren. Im Regen auf den Ben Nevis zu wandern erschien uns wenig sinnvoll und wir wollten auch nicht mehrere Tage auf besseres Wetter warten.

Weiter nördlich wurde die Landschaft immer wilder. Nicht umsonst gilt die Strasse zwischen Ullapool nach Durness als eine der schönsten Schottlands. Die Sonne liess sich zwar immer noch nicht blicken, aber die saftig grünen Hügel und zahlreichen kleinen Seen an denen immer wieder mal eine Burgruine auftauchten, liessen uns genug staunen. Am Abend erreichten wir Durness und somit auch den Campingplatz, auf dem wir damals übernachtet haben. Was uns auffiel, waren die vielen Wohnmobile, die bereits dort standen. Offenbar hatte die Gegend in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnen. Zum Glück standen diese alle etwas weiter weg vom Meer und so konnten wir wieder auf dem (fast) gleichen Platz wie vor 8 Jahren unseren Van hinstellen. Direkt über dem Meer mit Sicht auf die Bucht.

Am nächsten Tag wurden wir von einem beeindruckenden Sonnenaufgang geweckt, den wir direkt von unserem Bett aus geniessen konnten. Das Wetter sollte einigermassen schön werden und wir wollten einen potentiellen Surfstrand in der Nähe abchecken. Die Wellenvorhersage versprach genug grosse Wellen, aber wie wir bereits von Irland her wussten, musste das noch nichts bedeuten. Am Strand wurden wir dann auch ziemlich enttäuscht; er war zwar wunderschön und menschenleer, aber Wellen hatte es leider auch nicht wirklich. Da wir an anderen Stränden nicht mehr erwarteten, kehrten wir zum Campingplatz zurück und gönnten uns einen „Ferientag“.

Auch am nächsten Tag waren die Wellen nicht besser, darum beschlossen wir, die Nordküste ein wenig zu erkunden. Die Strände dort sehen aus, als wären sie von einer tropischen Insel dorthin versetzt worden. Das klare, türkisblaue Meer und die fast weissen Sandstrände locken zum Baden. Wenn man jedoch mal einen Zeh ins Wasser hält, wird man schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt; es ist eiskalt und nicht wirklich geeignet für ein entspanntes Bad im Bikini. Ein bisschen östlich von Durness entdeckten wir einen Strand den wir von diesem Tag an nur noch „den schönsten Strand“ nannten. Lief man nämlich zum Strand runter, fand man sich plötzlich in einer ganz neuen Welt wieder. Zwischen rötlichen Felsen wuchsen Bäume und Büsche, eher eine Seltenheit im kargen Norden. Zwischen hellen Grashalmen floss ein rotbrauner Fluss in das hellblau leuchtende Meer hinein.
Auf unserer Fahrt Richtung Thurso, der Surfhauptstadt Nord-Schottlands, kamen wir nur langsam vorwärts. Schuld daran war einerseits die meist einspurige Strasse, auf der man zahlreichen Wohnmobilen ausweichen musste, aber auch die sich ständig verändernde Landschaft (und Wetter), welche sehr viele Fotostopps mit sich brachte. In Thurso fanden wir auch keine Wellen, darum fuhren wir gleich weiter zum nördlichsten Punkt, dem Dunnet Head. Wir wollten eigentlich wieder Wildcampen, doch die flache Landschaft und der starke Wind hielt uns davon ab. Wir fanden zum Glück gleich einen coolen Camping direkt am Meer, wo wir bis auf ein weiteres Wohnmobil alleine waren (mit herzigem Hund gratis dazu).

Als wir am nächsten Tag wieder losfahren wollten, gab es zuerst noch ein wenig Action: Der Boden vom Campingplatz war vom vielen Regen so durchweicht, dass das Wohnmobil steckenblieb. Der Besitzer war aber schon gut darauf vorbereitet und konnte das Wohnmobil mit seinem Traktor ohne grosse Probleme herausziehen. Jetzt kam die Bestandsprobe für unseren Van. Doch es war schon fast ein wenig langweilig, wie souverän dass Matthias durch den Matsch fuhr oder wie der Besitzer sagte: Easy-Peasy! Allrad sei Dank.

Ich wollte meinen Traum vom Surfen im schottischen Meer noch nicht ganz aufgeben, darum fuhren wir nochmals zurück nach Durness. Unterwegs kamen wir wieder ins Staunen. Die Landschaft sah dank Sonnenschein wieder ganz anders aus als am Tag davor und wieder mussten wir viel anhalten. Trotz kleineren Regenschauern zwischendurch, war es meist sonnig. Dass Schottland ein Regenbogenland ist, überrascht natürlich nicht wirklich, aber am Abend konnte ich sogar einen leichten Mond-Regenbogen erkennen, was dann doch sehr speziell war. Sowas erlebt man wohl auch nur in einem Land, wo die Lichtverschmutzung noch relativ klein ist.

Nachdem wir ein paar Tage im Norden verbracht hatten, wollten wir uns langsam Richtung Süden aufmachen, damit wir nicht zu sehr nach Edinburgh stressen mussten. Wir sahen uns noch kurz die Höhlen von Durness an und hielten dann nochmal an unserem „schönsten Strand“. Von oben konnten wir bereits wieder kleinere Wellen entdecken, die nicht besonders surfbar aussahen. Ich wollte aber unbedingt noch im schottischen Meer baden (zugegeben, im Neopren statt im Bikini), darum zwängten wir uns in unsere Anzüge und Booties und liefen zum Strand hinunter. Matthias nahm auch sein Surfbrett mit, weil wenigstens ein bisschen Paddeln ja immer drin liegt. Ich liess mein Brett im Auto, da ich immer noch ein wenig Rückenschmerzen hatte. Das Meer war wunderschön und klar und ich genoss es, ein wenig darin herumzutauchen. Doch ich merkte auch, dass die Wellen ein bisschen grösser waren als sie zuerst ausgesehen hatten. Matthias hatte bereits ein paar Wellen erwischt und ich versuchte es auch mit seinem Brett. Matthias wollte mir aber sein Brett (verständlicherweise) nicht allzu oft überlassen. Ich beschloss also, obwohl ich es eine ziemlich unvernünftige Idee fand, doch noch mein Surfbrett zu holen. Als ich lospaddelte, hatten sich die Wellen bereits wieder verändert. Plötzlich waren sie gar nicht mehr so klein. Ein paar Sekunden später surfte ich meine beste Welle der ganzen bisherigen Reise. Zuerst hatten wir den ganzen Strand für uns alleine, bis später noch eine Surferin dazukam. Am Horizont leuchtete fast die ganze Zeit ein Regenbogen. Für mich war das die beste Surfsession der ganzen Reise (zugegeben, besonders viele hatte ich ja nicht).

Nachdem wir auf einem Parkplatz übernachtet hatten, fuhren wir weiter auf einer kleinen Nebenstrasse Richtung Süden. Wir wollten noch ein paar Tage im Cairngorms Nationalpark verbringen. Das ist eine der Regionen, wo immer noch schottische Wildkatzen leben. Die Chance eine in der Wildnis zu sehen ist jedoch sehr klein, darum machten wir noch einen Abstecher in den Wildtierpark. Der Tierpark hat ein Programm um die stark bedrohte Wildkatze zu erhalten, unter anderem in dem er für Nachwuchs sorgt. Durch den Tierpark kann man zum Teil mit dem Auto durchfahren, was wir ein bisschen seltsam fanden, aber die Wildkatzen liessen mein Herz schon ein wenig höher schlagen (weil super-herzig). Anschliessend gingen wir noch ein wenig wandern und genossen dass (einigermassen) schöne Wetter. Wir hatten jetzt nur noch wenige Tage bevor ich in Edinburgh meinen Zug nehmen würde und ich genoss noch meine letzten Tage im Bus, der ja jetzt doch seit einiger Zeit mein Zuhause war.

Wir verbrachten noch einen Tag in Edinburgh. Viel Zeit für Sightseeing planten wir nicht ein, da wir vor 8 Jahren schon einmal dort waren. Einen Spaziergang auf den Hausberg liessen wir uns aber nicht nehmen. Am Abend nahmen wir noch an einer Bierführung teil. Daran hatte vor allem Matthias Freude, obwohl ich zugeben muss, dass sie ziemlich interessant war. Am nächsten Tag verabschiedete ich mich von Matthias und von Schottland und ich stieg in den Zug nach London.

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