Irland (2)

Nach Galway mussten wir uns entscheiden, ob wir direkt nach Norden zur bekanntesten Surfbucht Irlands fahren wollten, oder noch der Küste entlang. Wir hatten jetzt das erste Mal auf unseres Reise nicht mehr alle Zeit der Welt (immer noch sehr viel, wir wollen uns nicht beschweren!). Der Plan war nach Irland noch nach Schottland zu fahren, von wo aus ich dann nach Hamburg weiter gehen würde, um bei der Hochzeit meiner Freundin Laura dabei zu sein. Wir beschlossen, den Zipfel zwischen Galway und Sligo (wo die Surfbucht anfängt) auszulassen, schliesslich muss man sich auch noch etwas für zukünftige Besuche aufbewahren. So sparten wir mehrere Stunden Autofahrt und hofften auf genug Zeit zum Surfen. In Strandhill (bei Sligo) regnete es wie so oft und die Wellen waren (äxgüsi) scheisse wie so oft. Was erwartet man auch, am Atlantik, da windet es halt. Immer! Aber ich will mich ja nicht beschweren (nur ein bisschen), Irland ist zum Glück auch bei Regen schön. Dafür hat man dann auch mal den halben Campingplatz für sich alleine. Da die Wetter- und Wellenvorhersagen für die nächsten Tage nicht wirklich besser waren, beschlossen wir, noch weiter Richtung Nordwesten zu fahren. Ich habe gelesen, dass es zwar dort schwieriger sei, gute Wellen zu finden, aber sich die Fahrt alleine wegen der Landschaft lohne. Im County Donegal wurden die Strassen wieder schmaler und spannender. Die Landschaft war wirklich sehr schön und wir fanden einen kleinen Farm-Camping mit tollem Ausblick auf herzige Hühner, Kühe und das Meer. Es liess sich sogar die Sonne kurz blicken.

Nachdem Matthias mich davon überzeugt hat, dass Hühner nicht gerne in Autos leben und wir darum besser keins vom Farm-Camping „befreien“ sollten (obwohl sie so herzig waren), machten wir uns auf den Weg zu den Klippen von Slieve League. Die Klippen sind weniger bekannt als die Cliffs of Moher, aber höher, sie gehören sogar zu den höchsten Klippen in Europa. Vom offiziellen Parkplatz aus wanderten wir durch Matsch, Nebel und Nieselregen zum „Gipfel“. Da ich nicht wusste, wie ich den selben Weg zurück überstehen sollte, ohne knietief im Matsch zu versinken, nahm ich den einfacheren Weg ins Tal zurück, während (der flinke und fitte) Matthias das Auto holte. Man kann sich vielleicht noch darüber streiten, was als Klippe gilt und was nur als steiler Hügel, aber die Klippen von Slieves League sind wirklich sehenswert. Wir hatten auch viel Glück, bevor die Wolken die Sicht verdeckten, hatten wir einen weiten Ausblick auf Meer und die felsige Landschaft von Donegal. Mit matschgetränkten Wanderschuhen, aber glücklich, fuhren wir weiter. Matthias hatte noch von einem Strand gelesen, der sehr schön sein soll, darum machten wir vor dem nächsten Hostel noch einen Abstecher dahin. Und wie bestellt, brach die Sonne durch die Wolken, als wir unserem Ziel näherten. Es war fast nicht zu fassen; da lag der schönste Sandstrand vor uns, die Sonne strahlte und die grünen Wiesen rundherum leuchteten. Als wären wir durch ein Portal in eine andere Welt gestolpert, gingen wir staunend die Treppe zum Strand herunter. Rundherum genossen die Schafe die Sonne und den Ausblick. S’isch ebe scho schön wenns schön isch!

Wir übernachteten im Hostel Dooey, einem Hostel mit Campingmöglichkeit. Dort mit dem Auto hinzugelangen ist schon ein Abenteuer für sich, weil die Strasse sehr eng, sehr steil und nicht sehr vertrauenswürdig aussieht. Das Hostel ist halb in den Hügel gebaut und könnte wohl sehr viel spannende Geschichten erzählen. Die Wände hingen voll von alten Bildern, meist mit der Besitzerin drauf (auf meinem Lieblingsbild sitzt eine jüngere Version von ihr mit angezündeter Zigarette auf einem grossen Motorrad). Zugegeben, dass Hostel hat vermutlich schon bessere Zeiten gesehen, aber die Besitzerin begrüsste uns so freundlich, dass es das locker wieder wettmachte. Zum Hostel gehörte ein Campingplatz, aber da der Boden ziemlich durchnässt war und wir lieber näher beim Hostel blieben, übernachteten wir auf dem Parkplatz. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von der Besitzerin, welche uns noch ermahnte, uns genug warm anzuziehen, sei es doch ein besonders schrecklich kalter Sommer hier in „Iceland“.

Wir fuhren weiter Richtung Norden. Auf Google Maps entdeckten wir einen Strand, der so ausgerichtet war, dass er mit den kommenden Wellen potentiell gut zum surfen war. Nach einer kurzen Inspektion waren wir beide der Meinung, dass es sich lohnen könnte, ein paar Tage später bei besseren Windverhältnissen wiederzukommen. Wir übernachteten auf dem Horn Head, wo es einen Parkplatz mit Aussicht aufs Meer gibt. Eigentlich keine schlechte Idee, aber bei starkem Wind und Regen nicht der gemütlichste Ort für eine erholsame Nacht (vorallem wenn man aufs WC muss, und das muss man immer dann, wenn es am stärksten regnet). Ich hatte nicht die allerbeste Laune, als wir am nächsten Tag weiterfuhren, leider regnete es immer noch ziemlich fest. Den Tag verbrachten wir mit ein wenig ziellosem herumfahren, bis wir am Abend wieder in der Nähe von unserem potentiellen Surfstrand einen Camping fanden. Wir genossen den Luxus einer heissen Dusche und einer Gemeinschaftsküche mit grossem Aufenthaltsraum. Spätestens nach den Spaghetti mit Linsenbolognese war ich wieder zufrieden.

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, drückte bereits die Sonne und es windete viel weniger als am vorherigen Tag. Gespannt fuhren wir zum Strand, um die Wellen zu inspizieren. Der Wind war zwar immer noch sehr stark, aber fast offshore, also ziemlich perfekt, um die Wellen nicht zu verblasen. Die Wellen sahen eher klein aus, aber wir waren uns einig dass es Zeit war, unsere Bretter wieder mal hervor zu nehmen. Wir zwängten uns in unsere nassen und kalten Neopren-Anzüge (wobei ich mehrere Male fast aufgab und mich fragte ob es das wirklich wert sei) und liefen zum Meer. Matthias stürzte sich gleich in die Wellen, während ich zuerst noch brav meine Aufwärmübungen machte. Als ich zu Matthias rauspaddelte merkte ich, dass die Wellen gar nicht so klein waren und viel Power hatten. Es war toll, wiedermal im Wasser zu sein und ich genoss die Sonne. Nach einer Weile entdeckten wir eine Gestalt im Wasser. Es war zuerst schwer zu erkennen, doch als sie sich ein wenig näherte, sahen wir, dass sich ein Seehund zu uns gesellt hatte. Das war wohl eines unserer schönsten Surferlebnisse. Wir hatten die eher kurzen, aber sehr spassigen Wellen für uns alleine, und während der ganzen Zeit streckte der Seehund immer wieder seinen Kopf aus dem Wasser. Nach dem Surfen fuhren wir noch zum Errigal Mountain. Wir wollten das schöne Wetter ausnutzen und der Surfsession eine kleine Wanderung anhängen. Da ich aber ziemlich müde war und gerade erst meine Wanderschuhe vom Slieve League-Schlamm befreit hatte, kehrte ich nach wenigen Metern auf dem matschigen Weg wieder um. Matthias konnte so schnell zum Gipfel laufen und ich mich im Büssli ein wenig erholen. Ist eben schon Luxus, wenn man das Bett immer dabei hat. Wir machten dann noch kurz einen Halt, um „the poisened Glen“ zu bestaunen, welches wir vor zwei Tagen nur im Nebelmeer gesehen haben (oder eben nicht gesehen haben). Das Tal wird das vergiftete Tal genannt, ein Übersetzungsfehler aus dem Irischen soll dabei vom „himmlischen“ zum „vergifteten“ Tal geführt haben.

Wir hatten noch ein paar Tage bevor unsere Fähre nach Schottland ablegte, deshalb erkundeten wir noch den nördlichsten Teil Irlands. Wir fuhren zum nördlichsten Punkt von Irland, zum Malin Head, genossen die schöne Landschaft, das verrückte irische Wetter und das wilde Meer. Wir übernachteten in einem Boutique Hostel, bei dem man auch wieder campen konnte. Es war zwar ein bisschen teurer als normale Campings, dafür gabs ein Zmorge, herzige Katzen und die älteste Brücke in Irland gratis dazu. In der ersten Nacht hatte es ausser uns keine anderen Gäste und so hatten wir das ganze Haus für uns.

Wir verabschiedeten uns von Irland und überquerten die Grenze nach Nordirland. Wir sahen uns noch den Giant’s Causeway an, die sagenumwobenen Felsformationen, welche dem meist stürmischen Atlantik trotzen. Da die gleichen Formationen auch in Schottland zu finden sind, entstand die Legende dass ein irischer Riese diesen Weg erschaffen hat, um zu seinem schottischen Feind zu gelangen. Die Felsen sind aber auch ohne Legende sehr faszinierend und das Wetter stand für einmal auf unserer Seite. In Belfast legte unsere Fähre nach Schottland ab und nach einem kurzen Stadtrundgang und Znacht fuhren wir mit dem Schiff in die Nacht Richtung Schottland.

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