Atemberaubende Lofoten

Nachdem wir 3 Tage auf der schönen, aber regnerisch kalten Insel Senja verbracht hatten, fuhren wir weiter Richtung Lofoten, einer Inselgruppe weiter südlich von Senja. Kaum hatten wir die Brücke zur ersten Insel überquehrt, brachen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Hier schien der Frühling den Winter schon fast vertrieben zu haben. Auf den Berggipfeln lagen zwar noch Schneedecken, doch die Hügel leuchteten schon in einem sanften Grün.

Am ersten Tag fuhren wir nach Unstad, dem wahrscheinlich bekanntesten Surfspot Nordnorwegens. Seit ich vor vier Jahren während meines Auslandsemesters das erste Mal hier war, habe ich davon geträumt, hierhin zurückzukehren und mich mit einem Surfbrett in die Wellen zu stürzen. Unstad hat eigentlich alles, was die Lofoten ausmacht: das kleine grüne Tal, welches man nach zwei engen Tunnels erreicht, liegt eingebettet zwischen steil abfallenden Hügeln am Meer. Der Sandstrand ist auf beiden Seiten von grossen Steinen umgeben und bei Flut nicht surfbar. Doch bei Ebbe und wenn die Wellen genügend gross wären, sollten da die schönsten Wellen brechen, von Barrels (nicht ideal für uns) bis flachen und einfachen Wellen, die sogar für Anfänger gut zu bewältigen sind. Nicht umsonst gibt es im kleinen Tal zwei Surfschulen. Ich war also ziemlich aufgeregt, als wir auf den Parkplatz fuhren. Doch von schönen Wellen war nichts zu sehen, es war zu flach. Bei einem kurzen Gespräch in der Surfschule erfuhren wir auch, dass an diesem Tag die Wellen wohl nicht mehr besser würden. Wir sollten doch nach Flakstad fahren, einem anderen Surfstrand, welcher ein bisschen geschützter vom Wind und Strömungen war. Dort gab es sogar einen Camping direkt am Strand. Die Wellen waren auch dort nicht besonders toll, aber wir beschlossen, trotzdem ins Wasser zu gehen, um endlich unsere Surfausrüstung zu testen. Wir wussten noch nicht, ob unsere Neoprenanzüge warm genug für das arktische Meer sind. Nachdem wir uns in unsere dicken Anzüge, Handschuhe und Booties gezwängt hatten, paddelten wir raus. Wir merkten bald, dass wir uns keine Sorgen wegen der Kälte hätten machen müssen und dann surften wir tatsächlich unsere ersten Wellen nördlich des Polarkreises.

Am nächsten Tag war der 17. Mai, der Nationalfeiertag in Norwegen. Damals in Trondheim hatte ich den Tag als fröhliches Fest mit Umzügen und Norwegerinnen in schönen Trachten erlebt. Hier auf den Lofoten schienen die Leute eher private Feiern abzuhalten, bis auf die vielen Flaggen war nicht viel zu sehen. Wir beschlossen daher, die Insel ein bisschen zu erkunden. Wir fuhren bis ans Ende der E10, die Strasse, die sich durch die verschiedenen Inseln der Lofoten schlängelt. Auf dem Rückweg zum Campingplatz sah ich plötzlich schwarze Gestalten im Meer auftauchen, gefolgt von Wasserfontänen: Orcas. Gemütlich schwammen sie der Küste entlang. Wir kehrten wieder um und suchten uns einen guten Aussichtspunkt. Ein paar Minuten später sahen wir sie wieder; eine ganze Familie mit Kälbern schwamm ganz nah an uns vorbei. Es war ein wunderschönes Erlebnis und wir fanden, das war die beste Art, den norwegischen Nationalfeiertag zu verbringen.

Die Wellen wurden leider nicht besser und nach einem Tag rumhängen meinerseits und einem Gleitschirm-Spazierentragen von Matthias (rauf und wieder runter, der Wind war zu stark) beschlossen wir, am nächsten Tag wandern zu gehen. Ich hatte von einer Wanderung gelesen, die unweit unseres Campingplatzes startete und auf einen der „einfachsten Gipfel über 900 m“, den Himmeltindan führte. Ich las nur „einfach“ und dachte, das wäre eine gute erste Wanderung. Nachdem Matthias noch einen kurzen Gleitschirm-Flug gemacht hatte, fuhren wir zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Der Weg begann am Haukland-Strand, einem grossen Sandstrand mit kristallklarem Wasser. Es war Sonntag und für die Lofoten ziemlich warm (ca. 15°), deshalb waren schon viele Familien am picknicken und ein paar Frauen lagen schon im Bikini in der Sonne. Wir wanderten los und schon bald schwitzten wir so sehr, dass wir unsere Jacken im Rucksack verstauen mussten. Nachdem der erste Hügel noch einfach zu bewältigen war, wurde es bald steiler und ziemlich anstrengend. Wir waren froh, unsere Wasserflasche mit Filter dabeizuhaben, da uns schnell das mitgebrachte Wasser ausging. Der Weg war immer schwieriger zu erkennen und bald kamen auch schon die ersten Schneefelder (und die erste kleine Panikattacke meinerseits). So abenteuerlich hatte ich mir diese Wanderung nicht vorgestellt und es half wohl auch nicht, dass ich im Monat vorher fast keinen Sport mehr getrieben hatte. Doch nach einer letzten Überquerung eines mit Schnee überdeckten Grates erreichten wir den Gipfel. Und es hat sich gelohnt: die Aussicht war fantastisch; die schneebedeckten Berge, welche steil aus dem Meer herausragten erstreckten sich bis zum Horizont vor uns. Nachdem wir genug gestaunt hatten und zur Stärkung ein Kvikk-Lunsj (das norwegische KitKat, nur besser) gegessen hatten, waren wir wieder bereit für den Abstieg. Der war nicht wirklich einfacher als der Aufstieg, aber dank den Rutschpartien auf den Schneefeldern ziemlich lustig. Nach 4.5 Stunden waren wir dann wieder zurück am Strand, wo sich jetzt die Dorfjugend eingerichtet hat. Bei Grill und gratis Musik der Teenager liessen wir den Abend ausklingen.

Wir blieben noch einen weiteren Tag auf dem Camping in Flakstad, doch da die Wellen nicht grösser wurden, wollten wir nochmals nach Unstad fahren. Als wir ankamen, war gerade Flut, deshalb warteten wir noch ein paar Stunden auf dem Parkplatz. Es war ziemlich spannend zuzuschauen, wie immer wieder jemand auf den Parkplatz fuhr, kurz einen Blick auf die Wellen warf und dann wieder abfuhr. Am Abend war es dann endlich so weit: die ersten Surfen paddelten aufs Meer hinaus. Dann wurden es immer mehr, bis ca. 10 Surfer und Surferinnen im Wasser waren. Wir beschlossen, es auch zu versuchen. Schliesslich konnten wir nicht von den Lofoten wegfahren, ohne in Unstad gesurft zu haben. Im Wasser merkten wir, dass die Wellen gar nicht so schlecht waren. Nach den ersten paar eher frustrierenden Versuchen in den chaotischen kleinen Wellen in Flakstad machte es hier plötzlich viel mehr Spass.

Wir verbrachten die Nacht am Strand in Unstad. Am nächsten Tag wurde es richtig windig, ans Surfen war nicht zu denken. Deshalb wollten wir einen kleinen Spaziergang auf den Hügel machen, der links vom Surfstrand lag. Nach der abenteurlichen Wanderung auf den Himmeltinden hätte ich eigentlich wissen müssen, dass es nicht bei einem leichten Spaziergang bleiben würde. Nach dem ersten Hügel kam nämlich schon der nächst höhere, auf den man ja auch noch schnell wandern könnte. So ging es weiter, bis wir nach ein paar Klettereinheiten auf dem Gipfel standen. Die Aussicht war natürlich wieder wunderschön, doch mir kam plötzlich in den Sinn, dass wir keine Sonnencreme eingepackt hatten. Wir waren bestimmt schon 1.5 h unterwegs und ich sah schon mein zukünftiges Ich vor mir, mit knallrotem Kopf und juckender Haut. Wir entdeckten einen Weg, der auf der anderen Seite des Hügels wieder runterführte und dachten, dass wäre der bessere Rückweg, weil er auch mehr im Schatten lag. Nachdem wir schon ein gutes Stück abwärts gelaufen sind, hörte der Weg plötzlich auf. Wir mussten also wieder rauf und alles zurücklaufen. Während dem Abstieg versuchte ich, meine Nase mit der Hand abzudecken, ich war mir ziemlich sicher, dass sich schon fast die Haut abschälte. Schon fast panisch joggte ich die letzten Meter zum Auto zurück und schmierte mein Gesicht mit After-Sun Creme und Bepanthen ein. Dass mein Gesicht vor allem von der Anstrengung so rot war, kam mir natürlich nicht in den Sinn. Erst am nächsten Tag konnte ich mich wieder beruhigen: die arktische Sonne war wohl nicht sehr stark, auf meiner Nase lag nur ein leichter roter Schimmer. Sonnencreme werde ich aber vermutlich nie mehr vergessen einzupacken.

Wo ist Matthias? Mit seiner grünen Jacke ist er perfekt getarnt.

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